Lammert vs. ARD & ZDF

Vor gut 10 Tagen war ich zum letzten Mal SPIESSER. Die Redaktion hatte hohen Besuch, den zweihöchsten um genau zu sein. Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte sich zu einer Diskussionsrunde angemeldet. Ich hatte das Vergnügen den Herrn Präsidenten kennenzulernen und gleichzeitig die Diskussion zu leiten.

Eigentlich ging es in der Diskussion um die Generationengerechtigkeit. Am Spannendsten wurde das Gespräch aber als Herr Lammert sich über das öffentlich-rechtlich finanzierte TV aufregte. Sein Vorwurf: Das Parlament finde bei ARD und ZDF, jedenfalls auf den Hauptkanälen, nicht mehr statt. Vielmehr habe man Phoenix geschaffen, um den Bundestag dahin abzuschieben. “Im Ersten” und im “ZDF” wird das private Programmangebot vom Niveau her nachgeahmt oder sogar zu unterboten.

Die Diskussion über das was die Üffentlich-Rechtlichen dürfen und was vor allem nicht, ist seit einiger Zeit bereits voll im Gange. Kernstreitpunkt ist die so genannte “elektronische Presse”, Fachkundler sprechen auch vom Internet. Wie weit dürfen ARD und ZDF als gebührenfinanzierte Rundfunkanstalten Onlineportale bereithalten oder gar ausbauen?

Die Frage, die sich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk doch stellt, ist: Was ist der Auftrag? Das sollte hinlänglich bekannt sein, aber ich anders herangehen. Gebührenfinanzierter Rundfunk wurde eingeführt als es noch kein wirkliches TV gab und man den MiÜbrauch von Rundfunk noch in bester Erinnerung hatte. Also wurde eine staatsferne Institution (bzw. in jedem Bundesland eine) gegründet, die umfassend und möglichst einflussfrei über die Dinge berichten sollte.

Auch heute halte ich das noch für dringend geboten angesichts von Gerichtsshows, Talkssendungen und Dokusoaps, die weder unterhaltsam noch informativ sind, sondern vielmehr der Volksverdummung zuträglich sind. Schaut man sich Nachrichten im privaten Rundfunk an, kann man von Informiertheit der Rezipienten, ja sogar der Macher, gar nicht mehr sprechen. Doch auch ARD und ZDF kommen ihren Auftrag, qualitativ hochwertiges und möglichst einfluÜfreies Fernsehen zu produzieren, nicht nach. Einflussfrei meint in diesem Zusammenhang unbedingt auch Einschaltquoten.

Insofern hat meiner Meinung nach Herr Lammert recht. Sicher gibt es Phoenix. Doch kann Phoenix noch längst nicht jeder empfangen. AuÜerdem gibt es Entscheidungen, Debatten und auch Gedenkveranstaltungen des Bundestages, die es Wert sind im Hauptprogramm von ARD und ZDF gezeigt zu werden. Ein Beispiel: Was würde denn passieren, wenn ARD und ZDF einen Sportkanal einrichten würde? Die Bundesliga oder die EM-Spiele würden weiter im Hauptprogramm von ARD laufen – zu recht! Aber es ist nicht nur der Bundestag, der zu kurz kommt. Mit immer neuen Formaten, wird der private Rundfunk kopiert. Gottschalks Castingsendung war das beste Beispiel dafür.

Also kommen, meiner Meinung nach, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Aufgaben und Pflichten im TV nicht nach. Gleichzeitig verlangen sie immer wieder eine Gebührenerhöhung. Allein das ist frech. Doch anstatt diesen Mangel zu erkennen und Besserung zu geloben, wollen ARD und ZDF jetzt auch noch in einem Bereich wildern, in dem Wettbewerb existiert und der sich auch nicht reglementieren lässt, auch wenn sich der ein oder andere noch so auf den Kopf stellt: das Internet. Natürlich ist die ZDF-Mediathek ein Mehrwert für den Zuschauer, keine Frage. Und natürlich ist es Service für den Zuschauer nachlesen zu können, wann die 20 Uhr Tagesschau anfängt. Doch kann ich alle privaten Anbieter von Informationen nur zu gut verstehen, wenn sie über öffentlich finanzierte Nachrichtenangebote stöhnen. Denn so leicht kommen die nicht an ihr Geld.

Die Medien sind leider heute nicht mehr von einander zutrennen. Das erkennt auch EX-Kollege Stawowy in unserem gemeinsamen Blog, wenn auch in einem anderem Zusammenhang. Eine Lösung habe ich nicht für das Problem, aber es muss dennoch gelöst werden. Vielleicht bringt es was ARD und ZDF eine Werberlaubnis fürs Internet zu geben, die GEZ-Gebühr zu senken und zu verlangen, dass das bisherige Angebot wegen Finanzknappheit nicht eingeschränkt werden darf. Oder man erklärt, dass die eingezogenen Gebühren ausschlieÜlich für TV und Radio verwand werden dürfen, aber wer kann das schon kontrollieren.

Die Diskussion ist in vollem Gange, ich bin gespannt wie sie zu Ende geht.

Best Wisches

2 Kommentare von "Lammert vs. ARD & ZDF"

  1. 9 Mai 2008 - 11:47 am | Permalink

    Vielen Dank für das nette Lammert-Zitat. Passte wunderbar und ich habe mir erlaubt, es einfach mal zu zitieren. Nach dem, was Fifi heute noch geschrieben hat und dem, was Kurt Beck in der Zeit zur Problematik von sich gegeben hat, konnte ich nicht anders und musste das mal kommentieren: ” ARD und ZDF: Expansionsdrang, Lobbying und Politikercasting.

    Zu Deinem Kommentar:

    “Vielleicht bringt es was ARD und ZDF eine Werberlaubnis fürs Internet zu geben, die GEZ-Gebühr zu senken und zu verlangen, dass das bisherige Angebot wegen Finanzknappheit nicht eingeschränkt werden darf.”

    Interessanter Ansatz, ändert aber auch nichts an der Verzerrung eines existierenden Marktes. Spiegel online ist zur Zeit ja als meistgenutztes Nachrichtenportal in Deutschland führend. Ich habe nicht den Eindruck, da bräuchte man um jeden Preis noch ARD und ZDF. Selbst wenn Medienkonvergenz und allgemeine Entwicklungen eine stärkere Verknüpfung der Kanäle erfordern, auf denen erstellte Inhalte geliefert werden, auch durch die �ffentlich Rechtlichen, sollte nicht Messlatte jeder solchen staatlichen Einmischung immer sein, nur da, wo sie gebraucht wird?

    Dass übrigens in allen ARD/ZDF-Nachrichtensendungen gefühlt und de facto die Nachrichtenschnipsel inclusive Ausschnitten aus den Bundestagsdebatten immer kürzer werden, ärgert mich schon. Eine Bundestagsdebatte kann man nunmal nicht auf 40-660 Sekunden quetschen. Wenn man das macht, kommt Nonsense heraus. Es verlangt ja niemand im Ernst, dass Liveübertragungen auf den Hauptkanälen laufen. Aber so wie momentan, ist eine Entfremdung der, sogar noch halbwegs interessierten, Bevölkerung von der demokratischen Legislative in unserem Land eigentlich kein Wunder.

    Wir hatten mal bei den JuLis den Vorschlag, alle Eigenproduktionen der Ã?.R. unter freie Lizenzen zu stellen…

  2. 19 Mai 2008 - 5:57 pm | Permalink

    … solange die “elektronische Presse” so erbärmlich daherkommt, wie bei der ARD Mediathek, muss sich die private Konkurrenz keine Sorgen machen.

    http://www.ringfahndung.de/archives/streamingarmut-bei-der-ard-mediathek

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